Selina
Notkaiserschnitt in der 28. SSW Nachdem ich wusste, dass ich schwanger war, fingen wenig später die Rückenschmerzen an. Ich suchte einen Arzt an unserem Urlaubsort auf, der mir sagte, dass ich in der 6. SSW sei und mich doch von jetzt an schonen solle. Bis zur 20. SSW hatte ich dann auch mal zwei Wochen einen Krankenschein, weil ich mit den Rückenschmerzen im Büro nicht sitzen konnte. Ich konnte nur stehen oder liegen. Danach wurde es besser. Ich fühlte mich erheblich wohler. In der 26. SSW hatte ich morgens gegen 4:00 Uhr einmal Wehen. Zwei Wochen später hatte ich Urlaub. Abends am 7.11.1992 (28. SSW) gegen 20:00 Uhr bekam ich plötzlich Blutungen und bin sofort mit dem Krankenwagen in die nächste Klinik gefahren. Nach einer länger dauernden Untersuchung wurde Selina dann gegen 21:50 Uhr mit Notkaiserschnitt geholt und sofort mit dem Transport-Inkubator in die Kinderklinik gebracht. Ich hatte sie noch nicht gesehen, da ich kurz vor dem Kaiserschnitt bewusstlos wurde und auch einige Zeit nach der Operation noch im Koma lag. Das erste, was ich von ihr sah, war ein Polaroid. Auf diesem Foto war Selina im Transport-Inku zu sehen. Ich konnte meine Tochter erst nach einer Woche sehen, da ich so lange auf der gynäkologischen Station bleiben musste.Mein Mann und ich haben ein Buch mit Namen studiert und jeder von uns beiden hat drei Wunschnamen aufgeschrieben. Hierbei war auch der Name "Selina", was soviel wie "Himmel" bedeutet.
Selina war bei Geburt 1.265 g schwer und 37 cm groß. Sie hat von Anfang an Muttermilch bekommen, da ich am dritten Tag nach der Geburt mit dem Abpumpen angefangen habe. Mit einer Kühltasche haben wir die Muttermilch immer in die Klinik gebracht. Da ich immer mehr Milch "produziert" habe, als Selina trank, habe ich die Überschüsse "für alle Fälle" eingefroren.
Selina wurde 20 Tage lang beatmet. Sie war sechs Wochen auf der Frühchen-Intensivstation und anschließend sechs Wochen auf der Frühchenstation.
Februar 1993. Entlassung aus der KlinikZwei Wochen vor der Entlassung haben wir darauf gedrängt, doch endlich mal die Magensonde zu ziehen und zu sehen, ob sie mit Ihrer Trinkmenge (und nicht mit der statistisch vorgesehenen Menge) zurechtkommt. Sie nahm trotzdem zu und wir konnten unser Kind nach drei Monaten Klinikaufenthalt ohne einen Kurs zum Legen der Magensonde mit nach Hause nehmen.
Auf uns wartete jetzt viel Arbeit, denn die Diagnose der Kinderärzte über unser frühgeborenes Kind lautete: Leichte Diparese mit statomorischer Retardierung. Für mich und andere übersetzt erkläre ich das immer wie folgt: Entwicklungsverzögerung, Gleichgewichtsprobleme, die Wahrnehmung und das Konzentrationsvermögen sind eingeschränkt; die Muskeln in Armen und Beinen sind meist sehr angespannt hingegen ist die Rumpfmuskulatur zu schlapp. Die Wirbelsäule zeigt eine Skoliose, ihr Becken ist stark nach vorn gekippt, die rechte Hüfte und der rechte Fuß zeigen nach innen. Gerades Stehen mit geschlossenen und geraden Beinen ist ihr nicht möglich.
Die
erste Woche zu Hause war sehr anstrengend. Wir haben sie tagsüber immer abwechselnd auf
dem Arm gehabt, wir konnten sie nicht hinlegen, weil sie sonst anfing zu schreien. Nach
einer Woche hatte sie sich dann an die neue Umgebung gewöhnt. Allerdings hatten wir
mindestens noch ein halbes Jahr mit ihrer abendlichen Schreistunde zu kämpfen. Nach der
Abendmahlzeit, wenn sie also für die Nacht ins Bettchen kam, hat sie jeden Tag mindestens
eine Stunde lauthals geschrieen, wir konnten machen, was wir wollten, nichts half. Sie
hätte auch nachts sofort durchgeschlafen, aber da sie wenig trank, haben wir sie auf
Anraten der Ärzte immer einmal nachts geweckt und gefüttert (ca. bis Mai 1993).
Irgendwann im Sommer haben wir dann eine Schaukel für das Wohnzimmer gebaut. Diese
bestand aus einem Brett mit Rahmen, was an vier Seilen und einer Feder mit einem
Dreh-Haken an der Decke hing. Somit waren dreidimensionale Bewegungen, also alle
Bewegungsrichtungen möglich. Sobald sie auf dem Fell in dieser Schaukel lag, hörte das
Schreien auf. Und wir konnten beim Schaukeln bequem im Sessel sitzen
Mai 1993.
Ernährung bis zum 12. Monat![]() |
Bis zum Mai 1993 (7. Monat) habe ich die Muttermilch weiterhin abgepumpt und mit der Flasche gefüttert. Auf Anraten der Kinderärzte haben wir Öl und Malz-Zucker zugesetzt, da ihre Trinkmenge nicht normgerecht (d.h.: nach Statistik) war. Von Mai bis August habe ich direkt gestillt, was nach vielen Versuchen mit einem Stillhütchen klappte. Allerdings hat sie dabei zu wenig getrunken (sie nahm ab) und für mich war es auch nicht so einfach, da ich sie meiner Meinung nach zu verkrampft (vielleicht durch ihre Größe bedingt) gehalten habe. Danach habe ich dann schrittweise das Stillen abgesetzt und BEBA HA mit der Flasche gefüttert. Bis zum November (12 Monate) hatte ich sie dann komplett auf BEBA HA umgestellt und abgestillt. Selina hat immer langsam und wenig getrunken. Im ersten Jahr haben wir dreimal täglich mit Kochsalz inhaliert. Sie war nicht krank. (Foto: Oktober 1994) |
September 1995.
Kleinkindalter
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Selina ist vom 1. September 1995 (34 Monate) an frei gelaufen. An dem Tag sagte sie: "Mama, ich laufe jetzt." und ging von einem Raum in den anderen. Mit der Sprache hatte Selina überhaupt keine Probleme. Sie hat von Anfang an sehr deutlich gesprochen, konnte sehr früh perfekt Lieder singen, und hat alle verblüfft, die ein Kleinkind mit Brille im Kinderwagen plappernd sitzen sahen. Wir haben auch von Anfang an viele Bücher mit ihr angeschaut, sie war immer sehr fasziniert und leicht zu begeistern. Die Erziehung zur Sauberkeit war ein Problem. Selina konnte sich nicht auf das Töpfchen setzten, sie hatte zuviel Angst davor, herunterzufallen. Die Lebenshilfe, wo Selina zur Frühförderung war, hat uns daher freundlicherweise ein Jahr lang einen Holzstuhl mit eingelassenem Töpfchen zur Verfügung gestellt. Den haben wir einfach ins Badezimmer gestellt und sie konnte sich immer mal wieder darauf setzen, ohne Pipi machen zu müssen. Das haben wir bestimmt ein halbes Jahr lang so gemacht. Durch die Rückenlehne, die Armlehnen und durch ein Holz, das man vor dem Körper des Kindes befestigen konnte, brauchte sie also keine Angst mehr vor dem Herunterfallen haben. Das gefiel ihr sehr gut. Damit haben wir im Herbst 1995 begonnen. Ab Mai 1996 (3,5 Jahre) machte Sie tagsüber ins Töpfchen und sagte vorher Bescheid. Im Juni 1996 klappte es auch nachts ohne Windeln. Wenn sie wegen einer bevorstehenden Geburtstagsfeier oder ähnlichem (z.B. im Kindergarten) aufgeregt war, passierte es hin und wieder noch, dass sie sich in die Hose machte. (Foto: März 1995) |
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August 1996.
Kindergarten
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Selina war vom August 1996 bis Juli 1999 im Kindergarten, integrativ mit einer Zusatzkraft. Im ersten Jahr hing sie sehr an den ErzieherInnen und sie hielt sich von den Kindern fern, spielte mehr alleine, häufig im Sandkasten. In der Zeit erfand sie auch Fantasie-Freunde, denen sie Namen gab und die mit ihr spielten. Die erste Hälfte vom zweiten Jahr war sie sehr frustriert und zeigte Rückschritte, z. B. beim Anziehen. Dann hatte sie auf einmal zwei Freundinnen, eine im Kindergarten und eine bei uns in der Nachbarschaft. Von da an ging es bergauf. Sie wurde selbstbewusster, bewegte sich mehr, fuhr im Kindergarten Dreirad und war fröhlicher, ging mehr auf die Kinder zu. Die Fantasie-Freunde gab es irgendwann dann nicht mehr. Sie sind auch nicht wieder aufgetaucht. |
Schule
Schon lange vor der Einschulung haben wir hin und her überlegt, was wohl für Selina sinnvoll sei.Zum Glück kannten wir eine Familie aus dem Nachbarort, deren Kind ein Jahr vor Selina integrativ eingeschult werden sollte. In mehreren Gesprächen erfuhren wir dann von dem Einschulungs-Verfahren, was alles so vor der Einschulung möglichst frühzeitig ablaufen muss. Wir wussten inzwischen, dass die langwierigen Verfahren schon ein Jahr vor der Einschulung eingeleitet werden müssen.
Oktober 1998.Im Oktober 1998 haben wir uns also mit der Rektorin der zuständigen Grundschule in Verbindung gesetzt. Da in dieser Schule noch nie ein Kind integrativ beschult worden war, wurden wir mit großer Skepsis empfangen. Die Bereitschaft, auf uns einzugehen und sich erst mal alles anzuhören, war sehr gering. Wir sollten im Februar des nächsten Jahres wiederkommen, weil ja dann erst die Einschulungsverfahren ablaufen. "Na toll", haben wir gedacht, "sind wir mal wieder die Vorreiter für alle anderen." Wir ließen uns nicht abwimmeln, da wir es von anderen schon gehört hatten und uns auch denken konnten, dass ein Verfahren unter Einbeziehung der Verwaltung (Schulamt) sicherlich seine Zeit braucht. Die Rektorin kannte die Leiterin von Selinas Kindergarten, die uns in unserem Vorhaben sehr gut unterstützte. Die Rektorin hat direkt während unseres ersten Gespräches mit der Kindergartenleiterin telefoniert. Das hat dann deutlich geholfen. Die Rektorin gab plötzlich zu, sie müsse sich nun erst einmal informieren. (Der Schulleiter im Schulamt drückte es deutlicher aus: "Wofür machen die ihre Fortbildungen? ...")
Nachdem die Rektorin Selina kennengelernt hatte, war sie allem Anschein nach doch etwas beruhigt, weil sie sich offensichtlich unter einem Frühchen mit Entwicklungsverzögerung überhaupt nichts vorstellen konnte. Sie fragte sogar einmal in einem späteren Gespräch: "Frühchen?..? Was ist das für eine Krankheit? Gibt es dafür einen lateinischen Fachbegriff?..." Nachdem wir klar gemacht hatten, dass Selina auf jeden Fall auf diese Grundschule gehen soll und mit dem Schulamt Kontakt aufgenommen hatten, lief dann das übliche Verfahren für ein Gutachten ab. Eine Sonderpädagogin (in unserem Fall von einer Körperbehinderten-Schule), die Selina noch nicht kannte, besuchte sie im Kindergarten, machte mit ihr einen Test und führte mit uns mehrere Gespräche. Auch sie kam im Gutachten zu dem Schluss, dass Selina wirklich für die Grundschule geeignet ist. Sie sprach sich dagegen aus, Selina in der nächstgelegenen Schule für Körperbehinderte einzuschulen.
August 1999.
"Schule hat begonnen" Selina wird seit August 1999 in einer Grundschule integrativ beschult. Sie hatte von Anfang an einen speziellen Stuhl, der für sie angepasst wurde und auf dem sie optimal sitzen kann. Dieser Stuhl wurde von der Schulbehörde bezahlt. Nachdem ja nun alles behördliche geregelt war, hatten wir erwartet, am ersten Schultag darüber informiert zu werden, wann der Sonderpädagoge für drei Stunden in der Woche kommt. Es geschah aber nichts. Nach mehrmaligen Gesprächen mit allen Beteiligten kam dann heraus, dass die Klassenlehrerin telefonisch mit einer Sonderpädagogin gesprochen hatte. Die Sonderpädagogin hielt nach den Schilderungen der Klassenlehrerin keine zusätzliche Förderung für nötig. Es wurde also erst gar keine Zusatzkraft geschickt.Bis zu den Herbstferien hatte sich Selina gut eingelebt. In diesem Zeitraum war eine Lehrerin als zusätzliche Aufsicht für die Betreuung eines jugoslawischen Kindes während der Pausen anwesend. Sie kümmerte sich auch um Selina und ein weiteres integrativ eingeschultes Kind aus der Parallelklasse. Nach den Herbstferien war diese Lehrerin nicht mehr eingeplant.
Auf unser Drängen hin kam endlich am ersten Tag nach den Herbstferien eine Sonderpädagogin und sah sich Selina im Unterricht an. Sie kam zu dem Schluss, dass Selina keine zusätzliche Förderung nötig hat.Von den Herbstferien bis zu den Weihnachtsferien ist Selina auch mehrmals umgerannt worden. Sie ist körperlich aufgrund Ihrer Gleichgewichtsprobleme und ihrer verzögerten Reaktion nicht in der Lage, herumrennenden Kindern problemlos auszuweichen. Sie saß auch zwischenzeitlich neben einem Jungen, der ihre Schwächen ausnutzte und irgendwann anfing, sie in den Pausen zu ärgern, lt. Selina, auch extra umzurennen. Ich konnte daraufhin bei Selina starke Veränderungen feststellen:
Der Schulhof ist für Selina eine nicht überschaubare Fläche mit einem Gewimmel an Kindern, die sie jederzeit umrennen können. Dadurch ist sie natürlich in den Pausen sehr angespannt; selbst der Weg zur Toilette war für sie ein fast unüberwindbares Hindernis, da sie von ihrem Klassenraum im ersten Schuljahr den gesamten Schulhof überqueren musste. Wenn sie hinfällt, hat sie auch nicht die notwendige Orientierung, um sich an eine der Aufsichtspersonen wenden zu können.
Wir bemühten uns zu dieser Zeit, über das Schulamt eine zusätzliche Aufsichtsperson zu bekommen, das hat allerdings nicht geklappt. Der Junge ist an einen anderen Platz gesetzt worden. Die Klassenlehrerin hat noch einmal mit den Kindern über Selina gesprochen und achtet nun scheinbar mehr auf die Kinder, die die Schwächen von Selina ausnutzen. Die Schlafstörungen sind in der ersten Schulwoche nach den
Weihnachts-Ferien des ersten Schuljahres wieder verschwunden.Das zweite Halbjahr wurde wesentlich besser. Für den Gang zur Toilette haben wir eine Regelung gefunden (Selina geht immer am Ende der Pausen, wenn der Schulhof wieder leer ist.) Während der Pausen achten ehemalige Schülerinnen der Klassenlehrerin (aus dem 4. Schuljahr) auf Selina. Auf dem Schulhof hatte sie ein etwas abgegrenztes Terrain für sich. Dies wirkt sich auch positiv auf die Hausaufgaben aus, die sie mehr und mehr selbstständiger macht. Das Zeugnis zeigte im Juni ein tolles Ergebnis. Selina war richtig stolz auf sich. Und wir natürlich auch.
Im ersten Schuljahr war ein Mal in der Woche Schwimmen angesagt. Dort fühlte sie sich mit den Schwimmflügeln wohl, obwohl die anderen Kinder keine hatten.
August 2000. 2. SchuljahrInzwischen ist Selina im zweiten Schuljahr und entwickelt sich in der Schule weiterhin prächtig. Allerdings hat sie große Mühe, morgens "in die Gänge" zu kommen. Wir vermuten, dass das auch etwas damit zu tun hat, dass ihre Muskulatur die ja tagsüber sehr angespannt ist in der Nacht entspannt (abschlafft). So richtig munter wird sie morgens auf dem Fußweg zur Schule. Sie ist selbstbewusster geworden. Am besten versteht sie sich mit Mädchen. Jungen sind ihr zu wüst. Sie schreibt und liest sehr gerne. Die großen Überschriften in der Zeitung liest sie gerne mit; auch seitenverkehrt.
Oktober 2002.Selina war bis Oktober 2002 in der staatlichen Grundschule. Im Oktober 2002 kam sie in die Freie Waldorfschule. Über ihre "Erfahrungen als Quereinsteigerin" hat sie einen Artikel für das Mitteilungsblatt geschrieben. (>> zum Artikel ...)
Ich selbst habe Selina mal bei einem Sommerfest an der Schule beobachtet, als sie versuchte, die Außentreppe herunter zu kommen. Diese Erfahrungen habe ich auch im Mitteilungsblatt der Schule veröffentlicht. (>> zum Artikel ...)
Selinas Therapien:
Was da so alles auf uns zukommt, besonders auf mich als Mutter, habe ich am Anfang nicht ahnen können.
Krankengymnastik
Es fing direkt nach der Entlassung aus der Klinik mit Krankengymnastik an, obwohl Selina erst 3 Monate alt war. Da lernte ich, dass es zwei Methoden gibt - Bobath und Voita. Ich fand eine KG-Praxis in unserem Ortsteil, mit einer Krankengymnastin, die speziell für Kinder ausgebildet war. Das war wichtig, da ich keine Auto hatte. 1 Jahr lang hatten wir diese Krankengymnastin, dann ging sie in den Schwangerschaftsurlaub.
Anschließend kam eine neue Krankengymnastin, speziell ausgebildet in Voita. Sie erzählte mir, wie wichtig doch Voita sei und dass es für Selina gut geeignet sei. In dieser ganzen Zeit habe ich täglich mit Selina auch zu Hause Übungen gemacht. Nach einem Jahr Voita habe ich aber entnervt aufgegeben, weil Selina und ich nur noch geheult haben. Die Krankengymnastin war dann auch schwanger und ich musste mich wieder auf die Suche nach einer neuen machen. Die fand ich dann 6 km entfernt in der Innenstadt, wir mussten also mit dem Bus fahren.
Es ging dann wieder weiter mit Bobath. Nach einem Jahr habe ich noch einmal zu einer anderen Krankengymnastik-Praxis gewechselt, die speziell mit den Räumlichkeiten und der Ausrüstung gut auf Kinder eingestellt war. Ich hatte von dieser Krankengymnastin durch den Kontakt mit anderen Müttern erfahren. Hier sind wir dann weitere vier Jahre geblieben. Seit April 2000 haben wir zur Psychomotorik gewechselt.
Frühförderung
Von August 1994 bis Februar 1997 (vor dem Kindergarten) ist Selina zur Frühförderung bei der Lebenshilfe gegangen. Zuerst kam die Heilpädagogin zu uns nach Hause, dann war Selina immer dort, um auch die Geräte und Räumlichkeiten nutzen zu können. Alle zwei Wochen konnte Selina auch in das Schwimmbad. Das hat ihr immer sehr viel Spaß gemacht. Im letzten Jahr vor dem Kindergarten trafen sich fünf Kinder in einer Kleingruppe als Vorbereitung für den Kindergarten.
Von der Frühförderung kann ich immer nur positives berichten. Es hat sehr viel für Selina und uns als Eltern gebracht. Dort wurden wir auch erstmalig darauf aufmerksam gemacht, dass wir für Selina einen Schwerbehindertenausweis beim Versorgungsamt und auch einen Antrag auf Pflegegeld bei der Krankenkasse beantragen können. Psychomotorik noch eine andere Therapie. Die Therapeutin von der Frühförderstelle machte uns auch auf diese Möglichkeit aufmerksam. Ungefähr ein halbes Jahr (ab Februar 1996) ist Selina zu einer Gruppe gegangen. Es machte ihr sehr viel Spaß. Wir haben dann erst mal wieder damit aufgehört, weil sie mittlerweile sehr viele Termine hatte.
Seit April 2000 geht sie zweimal wöchentlich in eine Mädchengruppe mit 5-6 Kindern. Es macht Selina viel Spaß, in einer riesigen Kletterlandschaft zu spielen und auf dem Hüpfkissen oder Trampolin Fortschritte zu zeigen. Seit neuestem (es ist nun September 2000) klettert sie selbständig auf einen Stuhl oder den Couchtisch, um dort oben freihändig mit abgespreizten Armen zu stehen.
Heilpädagogisches Reiten
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Sobald Selina sitzen konnte (im März 1995), sind wir mit ihr zum heilpädagogischen Reiten gefahren. Ein Freund von uns (Erzieher mit Zusatzausbildung) hat mit Island-Ponys diese Möglichkeit gewerblich angeboten. Nachdem er diese nebenberufliche Tätigkeit aufgrund von Zeitmangel dann aufgab, mussten wir auch hier wieder Ersatz suchen. Wir fanden eine Therapeutin für heilpädagogisches Voltigieren - und Selina geht heute immer noch gerne hin. Als Vorteil sehe ich beim Reiten, dass sowohl Eltern als auch Kinder immer an die frische Luft kommen, auch wenn es im Winter teilweise sehr kalt ist und der Unterricht dann auch mal ausfallen muss. Das Reiten fördert die Gleichgewichtsbeherrschung, das Körperbewusstsein, den Körperbegriff, Gesamtkörperkoordination und die Wahrnehmung (Gesicht, Gehör, Tastsinn und Geruchssinn). Diese Therapie müssen wir selbst bezahlen (120 DM pro Monat für vier Termine). |
Ergotherapie
Vor der Einschulung (ab August 1998) ist Selina ca. ein halbes Jahr lang zur Ergotherapie gegangen. Für die Konzentration und Wahrnehmung war das sehr wichtig. Allerdings waren das auch immer Einzelstunden, was uns in ihrem Alter dann nicht mehr so gut gefiel. Chirotherapie Von 1996 bis 1999 sind wir auch mehrmals mit Selina bei einem Chirotherapeuten zur Behandlung gewesen. Das hat, speziell beim ersten Termin, immer ihr Gangbild und ihre Körperhaltung wesentlich verbessert. Therapie = Spiel und Spaß! Alle diese Termine wahrzunehmen, war und ist teilweise ganz schön stressig. Aber Selina zeigt und sagt immer wieder, dass es ihr viel Spaß macht. Alle Therapeuten haben auch immer wieder bestätigt, wie ehrgeizig und lernwillig Selina ist. Da sie Erwachsenen gegenüber keine Scheu zeigt, konnten wir problemlos Therapeuten wechseln oder etwas neues anfangen. Da bin ich als Mutter dankbar, dass Selina so unkompliziert ist.| Übrigens: |
| In Gegenwart von Selina ist
das Thema "Frühchen" nie tabu gewesen. Warum auch? Sie hat ja
auch als Kind viele Gespräche mit Ärzten oder Therapeuten mitbekommen.
Sie war wegen Fieberkrampf in der Kinderklinik. Es kamen damals
ÄrztInnen in unser Zimmer (Rooming-In), die sie von der Intensiv
kannten und sie wiedersehen wollten. Damals haben wir die Intensiv
besucht. Sie hat also auch mit drei Jahren gesehen, wie es dort
aussieht.
Außerdem bleibt es nicht aus, wenn man in der Elternini aktiv ist, dass sie Texte, Broschüren, Videos und Fernsehsendungen mitbekommt. Sie hat damit auch kein Problem und weiß, dass sie viel Glück hatte, denn sie hat in der Frühförderung und in Gruppen andere schwer- und schwerstbehinderte Kinder kennen gelernt. Oft sagt sie auch zu anderen Kindern, wenn sie gefragt wird, warum sie irgendwas nicht kann: "Ich bin ein Frühchen!". Die anderen Kinder (oder Erwachsenen) sind dann diejenigen, die von IHR über das Thema Frühgeburt aufgeklärt werden müssen.... (... und das finde ich dann irgendwie lustig) Zum Thema Therapie: Krankengymnastik und Psychomotorik sind für sie nie "Therapie" gewesen, sondern "SPORT". Bei der Psychomotorik macht man auch keine "Übungen", sondern "ABENTEUERSPIELE". Diese Wortwahl ist wichtig, wie uns ein Erzieher sagte, weil es das Selbstwertgefühl steigert. Und weil das Wort "Therapie" zumindest bei Erwachsenen negativ besetzt ist. (Wenn wir Erwachsenen mit den Nerven fertig, drogensüchtig oder alkoholkrank sind, machen wir eine "Therapie") |
Kontakt zu anderen Eltern
Für mich sind diese Termine auch immer eine Möglichkeit gewesen, andere Mütter zu treffen und sich so auszutauschen zu können. Das war für alle immer schön, sich ausquatschen zu können und zu sehen, dass man nicht als einzige ein entwicklungsverzögertes Kind hat und dass andere Eltern ähnliche Probleme wie wir selbst haben. Diese ganze Thematik zu erklären, bzw. zu schildern, warum das Kind hier und dort hingeht und warum und was es bewirken soll, ist für andere Eltern (ohne ein behindertes oder entwicklungsverzögertes Kind) nicht immer nachvollziehbar. Als Selina drei Jahre alt war, sind wir Gründungsmitglieder einer Elterninitiative für die Eltern frühgeborener Kinder geworden. Wir sind noch heute beide im Vorstand aktiv. Fazit Ich muss noch hinzufügen, dass Selina alle diese Termine mit ihren ganzen Krankheiten - 2 x Fieberkrampf, 2 x Lungenentzündung, alle 4 Wochen obstruktive Bronchitis, Augenoperation, Entfernung der Rachenmandeln - kontinuierlich super durchgehalten hat.Sie ist eben ein Frühchen und daher hart im Nehmen!
(9/2000) R. Mama von Selina
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